12 Alt-Katholische Religionslehre (2)

In der Jahrgangsstufe 12 wird für die Schüler die ethische Dimension des menschlichen Lebens in den Mittelpunkt des Nachdenkens gerückt. Die jungen Erwachsenen sind sich zunehmend der Fülle von Herausforderungen bewusst, die es bei der Wahrnehmung verantwortlichen Handelns in der Gegenwart zu bewältigen gibt – auch im Blick auf anstehende Weichenstellungen für ihre Zukunft. Bei ihrer Suche nach tragfähigen Wertmaßstäben sollen sie begleitet werden und Einstellungen und Haltungen entdecken, mit denen sie ihr Leben verantwortungsvoll gestalten können. Schließlich befassen sie sich mit Paulus, dem frühchristlichen Missionar, der entscheidend auf die Zukunft hin verkündet und gelebt hat. Von seiner Theologie aus erarbeiten sich die Schüler Möglichkeiten der Sinnsetzung und Zukunftsbereitung.

AK 12.1 Das Leben gestalten - Lebensformen und Lebensführung [ Ev 12.2]

Zum Menschsein gehört unabdingbar das Entscheiden der Lebensführung. Die Schüler werden deshalb angeregt, unter Einbeziehung eigener Erfahrungen Notwendigkeit und Bedingungen ethischer Reflexion zu entdecken und Möglichkeiten ethischer Entscheidungsfindung zu erproben. Hierzu lernen sie auch die für den ethischen Diskurs notwendigen Unterscheidungen und Begriffsbestimmungen kennen.

  • die Vielfalt möglicher Lebensformen als Herausforderung zu ethischem Nachdenken wahrnehmen; am Beispiel von „neutralen Mitläufern“ und „Lebensprägern“ die Lebensverantwortung erkennen
  • den Einfluss kultureller Gegebenheiten, historischer Bedingtheit, Anlagen und Befehlen aufweisen
  • Typen ethischen Argumentierens begreifen, z. B. deontologisch/teleologisch, autonom/heteronom, formal/material, situativ/normativ, aus Gesinnungs-/Verantwortungsethik
  • Frage nach Kriterien und Maßstäben stellen (gut/böse, richtig/falsch, angemessen/unangemessen)
  • Schritte ethischer Urteilsfindung erarbeiten zur Strukturierung und Versachlichung ethischer Entscheidungsprozesse (z. B. Problemfeststellung, Situationsanalyse, Erörterung von Verhaltensalternativen, Normenprüfung, Urteilsentscheid, Überprüfung der Angemessenheit des Urteils)

AK 12.2 Biblische Botschaft und sittliches Handeln heute [ K 12.1]

Für christliches Handeln ist das biblische Verständnis guten Lebens „vor Gott“ von grundlegender Bedeutung. Die Jugendlichen sollen deshalb biblische Perspektiven als Anstöße und Orientierung für eine Lebensgestaltung nach dem Willen Gottes kennenlernen und ermutigt werden, das eigene Leben aus dem Blickwinkel der von Gott geschenkten Freiheit zu bedenken.

  • biblische Perspektiven als Anstöße und Orientierungshilfe für die Lebensgestaltung kennenlernen: z. B. jahwistische Erzählungen, Prophetenworte, Jesuslogien
  • die von Gott geschenkte Freiheit als Grundwert christlicher Lebensgestaltung erfassen, begründen und anwenden (siehe Exodusgeschehen, Jesusbotschaft, paulinische Verkündigung)
  • christliche Tugenden anhand aktueller oder historischer Leitfiguren entdecken (z. B. Romero, Sr. Theresa, Delp, Ketteler)
  • grundlegende ethische Entscheidungsfelder in unserer Gesellschaft ermitteln und die Bedeutung der Entscheidungen herausarbeiten
  • Projektauswahl mit Diskussion und Stellungnahme aus christlicher Sicht zu konkreten ethischen und moralischen Problemfeldern wie Trennung Kirche-Staat, Befreiungstheologie, Pazifismus, ziviler Ungehorsam, Wehrdienstverweigerung, Todesstrafe, Globalisierung, Gentechnik, Tierschutz, Umweltverschmutzung, Scheidung, Abtreibung, Sterbehilfe

AK 12.3 Paulus - Apostel der Zukunft

Am Ende der Schulzeit geht der Blick der Jugendlichen unweigerlich in Richtung Zukunft. Sie setzen sich mit dem auseinander, was sie in der Welt des Berufs oder des Studiums erwartet. Und sie empfinden das Bevorstehende als Befreiung. Gerade der Apostel Paulus mit seinen Lebensstationen und schriftlichen Zeugnissen ist für Zukunftsorientierte eine Leitfigur. Was ihn bewegte und trug, was ihn mit Hoffnung erfüllte und einen ganz neuen Horizont gewinnen ließ, erarbeiten die Schüler und wenden es auf die eigene Lebenssituation an.

  • Lebensstationen des Paulus: Herkunft, Selbstverständnis und Weltbild des frühen Paulus (Saulus) kennenlernen; die Berichte und Notizen über seine Erlebnisse und Wege auswerten für einen detaillierten Lebenslauf; Krisen und Höhepunkte erfassen und deuten
  • historisch, psychologisch, theologisch und spirituell das Damaskuserlebnis einordnen; den Umbruch im Leben des Paulus nachempfinden und verstehen; den alten Saulus auch im neuen Paulus noch wiederfinden und darstellen
  • Paulus im Blick auf Zukunft: die Lebens- und Handlungsweise des Paulus charakterisieren; sein Auftreten gegenüber Schülern und Heiden beschreiben; seine Krankheit psychosomatisch in den Blick bekommen; die Aufregung, Unruhe und Spannung des Paulus nachempfinden und erläutern
  • die Theologie und Botschaft des Paulus detailliert offenlegen und als Ausgerichtetsein auf Zukunft und Befreiung (Erlösung) verstehen; seine Sicht von Auferstehung und Freiheit erarbeiten; seine Briefe erörtern als Anweisungen und Ermutigungen angesichts des unendlich Neuen

AK 12.4 Dimensionen der Zukunft - Gestaltungsauftrag für die Gegenwart [ K 12.3]

In der Auseinandersetzung mit säkularen Zukunftsvorstellungen erkennen die Schüler deren begrenzte Aussagekraft und ambivalente Wirkung auf die menschliche Lebenseinstellung. Sie lernen mit eschatologischen Bildern und apokalyptischen Vorstellungen biblische Deutungsmuster der Zukunft kennen und erschließen deren heutige Lebensrelevanz. Sie erarbeiten eigene Maßstäbe und Perspektiven der eigenen Zukunftsgestaltung.

  • Vorzeichen der Zukunft zur Kenntnis nehmen, wie sie Umweltforschung und Medizin, Statistik und technische Entwicklung, allgemeine Futurologie und Zukunftsforschung andeuten
  • Lebensvisionen junger Erwachsener in den Blick nehmen und auf utopische, mutige, angepasste, verzweifelte und andere Elemente hin untersuchen
  • biblische und christlicher Bilder von Zukunft entdecken, z. B. Paradiesgeschichte, Prophetenvisionen, Apokalypse, Hildegardvisionen, Utopia, und in Vergleich zum paulinischen Denken setzen
  • eigene Zukunftsbilder entwickeln und Voraussetzungen dafür abklären
  • die Sinnsetzung des Lebens (z. B. Viktor Frankl) als aktiven Prozess erfassen; im Einüben von gelingender Kommunikation (z. B. v. Thun und Harris) ein bewusstes Leben-Gestalten angehen (→ K 12.1)
  • sich an persönliche Glückssituationen erinnern; Glück als Lebensziel aus philosophischer und theologischer Sicht orten und in Angriff nehmen (s. Reich-Gottes-Predigt und Stürmer-Logion bei Jesus)