12 Israelitische Religionslehre (2)

11/12 Israelitische Religionslehre

In den Jahrgangsstufen 11 und 12 stehen die Fragen nach dem Verständnis G-ttes und des Menschen sowie die Bedeutung der jüdischen Tradition für Lebensformen und Lebensführung im Mittelpunkt. Bei der Suche nach dem, was für ihr Leben und ihre Lebensplanung bedeutsam, hilfreich und weiterführend sein kann und was sie letztlich trägt, lernen die Schüler Formen jüdischer Tradition in exemplarischer Weise kennen und werden dazu angeregt, eigene Standpunkte auf dem Boden der Tradition zu finden und Einsichten zu gewinnen sowie diese zu artikulieren und zu vertreten.

Die Schüler sollen eine Vorstellung davon bekommen, wie das Judentum in einer pluralen und dabei oft auch als verwirrend und unübersichtlich erfahrenen Welt Orientierung bieten kann. Sie setzen sich deshalb in erster Linie mit den Werten des Judentums , aber auch mit wichtigen Aussagen aus Natur- und Geisteswissenschaften, aus Weltanschauungen und Religionen auseinander.

Jahrgangsstufe 12

Die Schüler der Jahrgangsstufe 12 zeigen sich als junge Erwachsene und sind sich zunehmend der Fülle von Herausforderungen bewusst, die es bei der Wahrnehmung verantwortlichen Handelns in der Gegenwart zu bewältigen gibt - auch im Blick auf anstehende Weichenstellungen für ihre Zukunft. Bei ihrer Suche nach tragfähigen Wertmaßstäben sollen sie begleitet werden und Einstellungen und Haltungen der jüdischen Tradition entdecken, mit denen sie ihr Leben verantwortungsvoll gestalten können.

Sie sollen erfassen, welche Bedeutung die Halacha für Lebensgestaltung und Lebensstil sowie für verantwortliches Handeln in der Gesellschaft haben kann.

Isr 12. 1 Die Ethik der Feiertage (  Ev 12.1)

Die Schüler stellen sich der Herausforderung, die sich aus der Erfahrung der Diskrepanz zwischen Wissen um gutes Handeln und tatsächlicher Praxis ergibt. Sie setzen sich mit den Erklärungsversuchen der jüdischen Tradition auseinander und erfahren den Feiertagszyklus als Spiegelung des Weges des Menschen zu G-tt. Sie gelangen zu einer differenzierten und vertieften Wahrnehmung des jüdischen Menschenbildes sowie der jüdischen Gottesidee.

  • Bedeutung von Rosch haschana für den jüdischen Menschen
    • biblisch- halachische Begründungen (3 BM 23: 24.25; Mischna Rosch Haschana I., 4; III., 2; IV., 9)
    • Reflexion des Feiertagsgedankens in der liturgischen Dichtung - Piutim (z. B. hajom harat olam, lekel orech din, unetane tokef)
    • Untersuchung der Stellung des Menschen seinem Schöpfer gegenüber
  • Jom Kippur als Tag der Sühne verstehen
    • biblisch- halachische Begründungen ( 3 BM 23: 27-32; Mischna Joma VIII. 1; 4; 5; 8; 9)
    • Definition der Gottesidee von Jom Kippur anhand ausgewählter Gebetstexte

Isr 12. 2 Die Bibel als Richtschnur für sittliches Handeln (  K 12.1; K 12.2; Ev 12.2)

Die Schüler erkennen die Notwendigkeit ethischer Entscheidungen, werden sich über die jüdische Konzeption der Ethik klar und erfahren die Bibel als Richtschnur für Lebensentwürfe und Lebensgestaltung des Einzelnen.

  • soziale Gebote im Judentum als Grundlage persönlichen Verhaltens und gesellschaftlichen Umgangs: Sittlichkeit als notwendigen Versuch begreifen, menschliches Zusammenleben zu regeln
    • Verhalten gegenüber jüdischen Sklaven, Fremden und Armen ( 5 BM 14: 29; 15: 1-18)
    • Diskussion aktueller gesellschaftlicher Probleme, z. B. Generationenkonflikt (Isr 11.2)
  • Die Schöpfungsgeschichte als Paradigma eines verantwortungsvollen Umganges des

Menschen mit der Schöpfung

    • Beziehung Mensch und Natur (1 BM1: 28- 31)
    • Mischfrucht und unstatthaft Vermischtes (Kilaim und Scha’atnes), (5 BM 20: 19.20; 3 BM 19:19; 5 BM 22:11)

Isr 12. 3 Umbrüche in der jüdischen Geschichte - Herausforderung an den Glauben III

Die jungen Erwachsenen gewinnen Einblick in die wechselvollen Ereignisse der neueren Geschichte des jüdischen Volkes und sind herausgefordert, die jüdische Existenz im Spannungsfeld historischer Konstellationen und Konflikte am Beispiel dreier Epochen der neueren jüdischen Geschichte zu begreifen.

  • Judentum in der Zeit des Absolutismus anhand der Epoche der Hofjuden verstehen
    • Formen des Hofjudentums: Hofjuden in Berlin unter Friedrich II.; Hofjuden in München
    • Verwicklung in das Machtgefüge des Absolutismus: Josef Süss Oppenheimer
  • die Herausforderungen des Zeitalters der Emanzipation erfassen
    • Ambivalenzen der Emanzipations- und Assimilationsprozesse; Motive und Ziel; Dohms Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“, Herders Idee der „Humanisierung“ der Juden
    • Wandel des jüdischen Lebens: Reform und Neo- Orthodoxie
  • sich mit dem modernen Antisemitismus auseinandersetzen
    • Auslöser des wirtschaftspolitischen und des rassistischen Antisemitismus
    • Theorien und Theoreme: Stöcker, Marr, Chamberlain
  • die Antwort der Juden auf die Judenfeindschaft nachvollziehen
    • Formen jüdischer Selbstbehauptung und jüdischen Selbstbewusstseins
    • Theodor Herzl und der Zionismus
    • Motive und Ziele eines neuen Nationalbewusstseins und Zusammengehörigkeitsgefühls
    • Notwendigkeit und Folgen der Gründung des Staates Israel

Isr 12. 4 Jüdische Existenz in der gegenwärtigen Welt II

Am Ende ihrer Schulzeit stehen die Schüler vor der Frage nach ihrer persönlichen Zukunft, es bewegen sie aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie begegnen sich selbst, ihrer Familie und ihrem Verwandtenkreis als Teile des modernen jüdischen Lebens und reflektieren anhand der Erfahrungen einer langen und bewegten jüdischen Geschichte ihre eigene Situation in der Gegenwart.

  • jüdische Identitätsmuster in der Diaspora reflektieren
    • Judentum und nichtjüdische Umwelt (z. B. 2 BM 19: 5.6; Ruth 1: 16; Esther 3: 8; Midrasch Esther Rabba zur Stelle) ; dazu Aussagen etwa von Mendelssohn (‘Jerusalem’), S. R. Hirsch (’19 Briefe’, ’Der Jude und seine Zeit’) oder S. Schwab (’Heimkehr ins Judentum’)
    • jüdisches Selbstverständnis und Wahrnehmung von Juden durch Nichtjuden heute an Beispielen (z. B. Film)
  • die Rolle Jerusalems für den jüdischen Menschen heute definieren
    • Terminologien im Gebet (z. B.: Tischgebet; Psalmen 122, 137; Maleachi 1:2; Midrasch tanchuma zu Kedoschim 10; Midrasch Zuta, Schir haschirim 1)
    • Formen der Verbundenheit mit und Erinnerung an Jerusalem: (z. B. Feiertage: Schabbat, Pessach)
    • Auseinandersetzung mit Minhagim ( z. B. Hochzeit, Haus: Schalsal)
  • jüdische Ansätze zur Friedenserziehung reflektieren ( Ev 12.5)
    • Problempunkte wie messianische Hoffnung und gegenwärtige Realität, Bedingungen des Friedens für ein Zusammenleben von Juden und Nichtjuden an Beispielen (z. B. schriftliche Lehre: 2 BM 20:25; Micha 4:3.4; mündliche Lehre: Perek schalom, bGittin 59b; Gebet: Schmone Essre, Tischgebet)