Israelitische Religionslehre

Selbstverständnis des Faches

Der Israelitische Religionsunterricht hat im Fächerkanon der Schule die Aufgabe, der Gespräch mit der jüdischen TraditionKommunikation der Schüler mit der jüdischen Tradition in der gegenwärtigen Welt zu dienen. Mit dem Religionsunterricht nimmt die Jüdische Gemeinschaft im traditionell-thoratreuen Selbstverständnis Bildungsverantwortung in der pluralen Gesellschaft am Ort der Schule wahr. Der Religionsunterricht geschieht unter den Gegebenheiten und Bedingungen der Schule und wird von Jüdischer Gemeinde und Staat gemeinsam verantwortet.

Aus dieser Aufgabe ergeben sich folgende Ziele:

  • Der Religionsunterricht Informieren und Orientiereninformiert und orientiert über das traditionell-thoratreue Judentum und seine Beziehungen zur nichtjüdischen Umgebung. Er will den Schülern Wege zu einem lebensbezogenen Umgang mit der Überlieferung der Thora auf der Grundlage der Halacha eröffnen.
  • Der Religionsunterricht bringt Fragen und AntwortenFragen und Herausforderungen unserer Zeit zur Sprache; er will Schüler zur Auseinandersetzung mit jüdischem Glauben und Handeln anregen und sie ermutigen, von der Halacha her Perspektiven für die eigene Orientierung zu entwickeln. Bei den damit verbundenen Lernprozessen sind die religiöse Entwicklung und Sozialisation der Schüler zu beachten.
  • Der Religionsunterricht fördert die Selbständigkeit der Schüler; er will sie hinführen zu einem vor G-tt verantwortlichen achtsamen Umgang mit Mensch und Welt. Er bietet den Schülern im Rahmen der schulischen Möglichkeiten LebenshilfeLebenshilfe und Begleitung an und will die Schüler in die Jüdische Gemeinde und in die jüdische Lebenspraxis einbinden. Dazu gehört auch, im Leben der Schule Raum zu schaffen für die Abhaltung der täglichen G-ttesdienste. Der Religionsunterricht unterstützt von seiner jüdischen Auffassung des Menschen her soziales und kommunikatives Lernen; er fördert Toleranz und Empathie.
  • Der Religionsunterricht bringt die Lehre der Thora nicht nur als historisch gegebene zur Sprache, sondern will zugleich offen sein für die persönliche Anrede G-ttes an den Menschen in der Thora. Er will Wege zur jüdischen Tradition eröffnen und Schülern dabei helfen, ihren Ort in der Jüdischen Gemeinde zu bestimmen. Die Schüler sollen, auch im Wege zu einem Leben auf der Grundlage der HalachaUmgang mit der jüdischen Geschichte und mit bedrückenden Lebenserfahrungen, zu einem auf der Halacha basierenden Leben ermutigt werden.

 

Beitrag des Faches zur gymnasialen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung

Der israelitische Religionsunterricht erschließt jungen Menschen die Religiöse Dimension der Wirklichkeitreligiöse Dimension der Wirklichkeit. Er begleitet die Schüler bei ihrer Sinnsuche, bei ihrem Fragen nach G-tt und der Welt und hilft ihnen, religiös sprachfähig zu werden.

Dabei bietet er dem das Judentum praktizierenden Schüler und dem Distanzierten gleichermaßen die Möglichkeit, mit der jüdischen Tradition ins Gespräch zu kommen, unterschiedliche Interpretationen und Werthaltungen innerhalb des traditionell-thoratreuen Judentums kennen und verstehen zu lernen, kritisch nach ihren Grundlagen und sinnstiftenden Funktionen zu fragen und so einen persönlichen Standpunkt zu finden und zu vertreten.

Die Grundlage des israelitischen Religionsunterrichtes bildet das in der schriftlichen und mündlichen Thora verankerte Verständnis der Thora von G-tt, Mensch und WeltVerständnis von G-tt, Mensch und Welt, wonach G-tt jedem Menschen das Leben schenkt und ihn in seiner Einmaligkeit und Endlichkeit annimmt, ihn in der Geschichte begleitet, ihm Freiheit und Hoffnung eröffnet, ihn an die Gemeinschaft verweist, zur Verantwortung in der Welt beruft und ihm als seinem Partner am Schöpfungswerk immer wieder neue Wege eröffnet. G-ttes Wirken in der Geschichte seines Volkes schließt auch leidvolle Erfahrungen ein, die sich menschlicher Erklärung entziehen.

Nach jüdischer Auffassung gehören unauflösbare Spannungen und offene Fragen ebenso zum menschlichen Leben wie die Erfahrung des Scheiterns. Die jungen Menschen sollen ermutigt werden, diese Spannungen nicht auszublenden, sondern sie wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen.

Im Israelitischen Religionsunterricht am Gymnasium werden die Schüler auf ihrem Weg von der Kindheit Begleitung beim Erwachsenwerdenzum frühen Erwachsenenalter begleitet. Die Schüler werden ernst genommen mit ihren individuellen Prägungen, ihren religiösen Vorstellungen und ihrer Suche nach verlässlicher Orientierung. Dies geschieht entsprechend ihrer jeweiligen persönlichen Entwicklung: Der Religionsunterricht hilft bei der Reflexion jüdischer Identität und Orientierungssuche durch Begegnung mit Gestalten der jüdischen Geschichte und Tradition, die in einer schwierigen Phase der Identitätssuche Orientierung geben können.

In höheren Jahrgangsstufen ermöglicht der Religionsunterricht ein zunehmend differenziertes, vertieftes und kritisches Verständnis unterschiedlicher Weltdeutungen auf der Grundlage der Thora und fordert zur Auseinandersetzung mit den Problemen der Gesellschaft heraus.

Dadurch hilft er den jüdischen Schülern, sich in einer pluralen, unübersichtlichen Welt zurechtzufinden; zugleich fördert er die StudierfähigkeitStudierfähigkeit, indem er dazu anleitet, mit biblischen und anderen geistesgeschichtlich wichtigen Texten sachgemäß und methodisch reflektiert umzugehen und eigene Standpunkte argumentativ in einen Diskurs einzubringen.

Im Religionsunterricht geht es darum, die religiösen Voraussetzungen im Verständnis des traditionell-thoratreuen Judentums zu vermitteln und zu stärken, die für die Mündigkeit der Schüler wichtig sind. In folgenden Bereichen spielt Religiöse Kompetenzreligiöse Kompetenz eine wichtige Rolle:

  • im Bereich der persönlichen Lebensgeschichte

Die Begegnung mit reflektierten Glaubensvorstellungen soll die Schüler anregen, sich im Kontext ihrer Lebensgeschichte mit den eigenen Lebensmöglichkeiten, Fähigkeiten und Grenzen auseinanderzusetzen und ein verantwortungsfähiges Selbst zu entwickeln.

  • im Bereich der religiösen Praxis

Indem die Schüler unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen (Nussachim) und Rituale (Minhagim) kennenlernen, können sie sich ihrer religiösen Prägung bewusstwerden und Erfahrungen mit jüdischer Spiritualität machen. Zugleich sollen sie fähig werden, sich in der Vielfalt religiöser Angebote zurechtzufinden sowie religiöse Vorgänge und Phänomene aus jüdischer Perspektive kritisch zu sichten und einen eigenen Standpunkt einzunehmen.

  • im kulturellen Bereich

In der Begegnung mit den vielfältigen geschichtlichen Einflüssen des Judentums auf Kultur und Gesellschaft sowie in der Begegnung mit anderen Religionen und Kulturen sollen die Heranwachsenden fähig werden, den Zusammenhang zwischen Religion und Kultur zu bedenken und so ihre Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit zu schulen.

  • im sozialen und ethischen Bereich

Ausgehend von der Verbindlichkeit der Thora sollen die Schüler über der Halacha gemäße Lebensformen und über eine ihr gemäße ethische Praxis nachdenken. Dabei sollen sie die Bereitschaft entwickeln, Verantwortung für Einzelne wie für die Gemeinschaft zu übernehmen und sich im Sinn der jüdischen Tradition für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.

  • im Bereich des Politischen

Indem der Israelitische Religionsunterricht den Blick der Schüler für Fragen sozialer und globaler Gerechtigkeit weitet und historische Zusammenhänge klärt, aber auch indem er die Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen fördert, leistet er einen wesentlichen Beitrag zur politischen und interkulturellen Bildung.

  • im Bereich des Ästhetischen

Der Religionsunterricht vermittelt ästhetische Kompetenz, indem er die Jugendlichen, auch durch Verlangsamung des Lernens, zum genaueren und sensibleren Wahrnehmen anregt, indem er ihre Kreativität weckt und ihre ästhetische Urteilsfähigkeit stärkt. Dies kann geschehen im eigenen Gestalten sowie im Umgang mit vielfältigen religiösen Sprach- und Ausdrucksformen, z. B. in Architektur, Literatur, Musik, Bildender Kunst, Theater, Film und Medien.

 

Zusammenarbeit mit anderen Fächern

In seinem Aufbau sieht sich das Fach Israelitische Religionslehre dem Religionsunterricht der Kooperation mit christlichen Konfessionenchristlichen Konfessionen verbunden. Auf der Grundlage des traditionell-thoratreuen Judentums können bei der Erprobung verschiedener Möglichkeiten der Kooperation Gemeinsamkeiten entdeckt und unterschiedliche konfessionelle Zugänge und Entwicklungen bedacht werden.

Aufgrund seiner dialogischen Offenheit ist der Religionsunterricht auf fächerübergreifendes Interdisziplinärer, interkultureller und interreligiöser DialogDenken und Kooperieren angelegt. Seine Auseinandersetzung mit Kultur und Kulturen, mit Religionen und Weltanschauungen, mit naturwissenschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen weisen ihn als ein in hohem Maß anknüpfungsfähiges Fach aus, das im Dialog mit anderen Fachgebieten einen eigenständigen Beitrag leistet.

Mit seiner tiefen Verankerung in der jüdischen Tradition bietet er einen Standpunkt an, von dem aus ein offenes Gespräch möglich wird im Ringen um die Wahrheit und den richtigen Weg für den Einzelnen und die Gemeinschaft.

 

Ziele und Inhalte

Folgende Ziele und Inhalte bestimmen den israelitischen Religionsunterricht:

  • Vermittlung eines traditionell- thoratreuen jüdischen Verständnisses von G-tt und Mensch
  • thoratreuer Umgang mit der Bibel und der jüdischen Tradition
  • Zugänge zur Bedeutung von markanten Ereignissen der jüdischen Geschichte und Personen
  • Auseinandersetzung mit existentiellen Glaubens- und Sinnfragen
  • Begegnung mit der jüdischen Tradition in ihrer Realität und ihren vielgestaltigen Möglichkeiten
  • Begegnung mit anderen Religionen und Weltanschauungen
  • Auseinandersetzung mit grundlegenden ethischen Orientierungen und Leitlinien sowie ihre Bedeutung für die persönliche Lebensgestaltung
  • Zugänge zu religiöser jüdischer Kunst und Spiritualität

Dem israelitischen Religionsunterricht entspricht ein Lehren und Lernen, das von Offenheit, Neugier, gemeinsamem Suchen und Ausprobieren und von Diskussion geprägt ist. Das setzt Gruppen und Räume voraus, in denen sich Nachdenken und Urteilen, affektives Erleben, soziales Lernen, kreative und praktische Tätigkeit entfalten können. Das Bemühen um ein ganzheitlich orientiertes und oft nicht abprüfbares Fachwissen und Lebenswissen„Lebenswissen“ spielt im Religionsunterricht neben den als Grundwissen ausgewiesenen kognitiven, operationalisierbaren Zielen und Inhalten eine wesentliche Rolle.

Zum ganzheitlichen Lernen tragen auch Exkursionen und Projekte, Begegnungen mit Personen und Gruppen, Einsatz unterschiedlicher Medien, Klassenlektüren, Religiöses Lebengemeinsame Kabbalat-Feiern und G-ttesdienstbesuche in der Jüdischen Gemeinde bei.