9 Ethik (2)

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Sinnfrage wird durch die Gegenüberstellung der Sinndeutungen des menschlichen Lebens in den großen Weltreligionen ermöglicht. Die Klärung der eigenen Geschlechterrolle und die Suche nach gelingender Partnerschaft treten immer stärker in den Mittelpunkt des Erlebens. Die Einsicht, dass auch die Arbeit zu einem sinnvollen Leben beitragen kann, berührt sich mit dem wachsenden Interesse der Schüler am Thema Berufswahl (bzw. Wahl eines Ausbildungsschwerpunkts). Die Schüler beschäftigen sich auch mit Fragen der Friedensethik und ihrer historischen Wurzeln sowie ihrer aktuellen Probleme.

 

In der Jahrgangsstufe 9 erwerben die Schüler folgendes Grundwissen:
  • mit dem Gewissensbegriff in seiner philosophisch-ethischen Bedeutung vertraut sein 
  • zentrale Aussagen fernöstlicher Religionen erfassen 
  • Sinndeutung im Buddhismus beschreiben können
  • Rollenverständnis von Mann und Frau in seinen Unterschieden verstehen 
  • ein Konzept einer Friedensethik erläutern können 

Eth 9.1 Gewissen und Handeln (ca. 8 Std.)

Die Schüler erkennen, dass die Beschreibung des Gewissensphänomens abhängig ist von einer sensiblen Selbstbeobachtung. Die Übertragung dieser inneren Wahrnehmungen in ein Modell führt die Schüler zu der jeweiligen Auffassung vom Gewissen, wie es in verschiedenen Denktraditionen überliefert wurde.

  • ­Deutungen des Gewissens und Entstehungstheorien: synderesis und conscientia (Thomas von Aquin), innerer Gerichtshof (z. B. Paulus, Röm 2,14-16), Über-Ich und Ich-Ideal (S. Freud)
  • ­Gewissensirrtum und -missbrauch: Beispiele für Manipulationstechniken beim Gewissensmissbrauch (z. B. Inquisition, „Drittes Reich“ [→ G 9.2])

Eth 9.2 Religiöse Sinndeutungen des Lebens (ca. 16 Std.)

Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Sinn des Daseins erarbeiten die Schüler Grundvorstellungen des Buddhismus und des Hinduismus. Zum Vergleich werden die Kenntnisse der Schüler über die Abrahamsreligionen herangezogen und die Antworten dieser Religionen auf die Sinnfrage verdeutlicht.

  • ­Grundgedanken des Hinduismus
  • ­der Karma-Samsara-Gedanke und seine Auswirkungen auf die Sinndeutung
  • ­Buddhas Lehre von den vier edlen Wahrheiten und dem Mittleren Weg
  • ­Vergleich mit Kerngedanken der Abrahamsreligionen zur Sinnfrage; Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Erleuchtung und Offenbarung, Meditation und Gebet

Eth 9.3 Geschlechterrolle, Partnerschaft, Familie (ca. 11 Std.)

Die Schüler sollen sich mit der Geschlechterrolle in personaler und sozialer Hinsicht beschäftigen. Über die gesellschaftlichen und institutionellen Bindungsformen von Ehe, Partnerschaft und Familie hinaus erschließt Liebe Sinndeutungen eigener Existenz auch gegen die Erfahrung von Begrenztheit, Leid und Tod.

  • ­Sexualität als fundamentaler Bestandteil des menschlichen Lebens [→ B 8.4]
  • ­Geschlechterrollen im Wandel der Zeit [→ L 9.1.2; SKWSG 9.5] und Auswirkungen auf die Sexualethik: z. B. Dame, Kavalier; Frauenbild im 19. Jahrhundert; Emanzipationsbewegung in neuerer Zeit
  • ­partnerschaftliche Lebensformen: Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaften, gleichgeschlechtliche Paare
  • ­Sexualität als Ware: Erotik und Sex als Mittel der Werbung [→ Ku 9.2] u. a.

Eth 9.4 Arbeit (ca. 7 Std.)

Die Schüler lernen die Möglichkeiten, durch Arbeit und Leistung ein Leben mit Sinn zu erfüllen, kennen und bedenken die Bedingungen dieses Ansatzes. Sie sollen Möglichkeiten der sinnvollen Freizeitgestaltung erkennen, aber auch über die Bezüge zwischen Arbeit, Selbstverwirklichung und Menschenwürde nachdenken.

  • ­verschiedene Auffassungen von Arbeit heute (Schule, Job, Berufung, Selbstverwirklichung) und von sinnvoller Freizeitgestaltung; Wert und Grenzen des Leistungsprinzips (Leistungsbeurteilung, Begabung und Fleiß, Konkurrenz­kampf, Gleich­berechtigung der Frau im Arbeitsleben u. a.) [→ WR 9.1.3, WRWSG-W 9.1; E1 9.3, E2 9.3, E3 9.3]

Eth 9.5 Friedensethik (ca. 14 Std.)

Die Schüler erörtern philosophische und religiöse Friedenskonzepte. Sie setzen sich mit dem Problem der Rechtfertigung von Kriegen auseinander und denken über die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen eines dauerhaften Friedens nach.

  • ­philosophische Ansätze der Friedensethik: Domestizierung von Krieg durch Bindung an Recht und Gerechtigkeit (bellum-iustum-Theorie); prinzipielle Verhinderung von Krieg (Gedanken aus Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“)
  • ­der Begriff „heiliger Krieg“ (vgl. dschihad im Islam)
  • ­Bedingungen und Voraussetzungen des Friedens auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen (Einzelner, Gruppe, Staat, internationale Staatengemeinschaft); Pazifismus: absolut und relativ (z. B. Gandhi)
  • ­Friedenserziehung: Aneignung von Sachwissen zum Abbau von Vorurteilen und Feindbildern; Förderung von sozialer Sensibilität und der Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei auszutragen u. a.